Reishi & Lebertoxizität
Kurz und bündig: BULLSHIT
In diesem Beitrag analysiere ich eine Fallstudie aus dem Jahr 2023 zur angeblich „toxischen Wirkung auf die Leber“ von Reishi (Ganoderma lucidum).
Schon vorweg: Der in der Studie beschriebene Patient konsumierte innerhalb von 72 Stunden rund 279 Gramm reinen Alkohol – bei bestehender Fettleber. Diese Information wird im Titel der Studie nicht nur nachrangig, sondern irreführend verharmlosend dargestellt.
Genau hier beginnt das eigentliche Problem dieser Arbeit.
Selektive Datennutzung, fragwürdige Gewichtung von Ursachen und spekulative Schlussfolgerungen untergraben Vertrauen in Wissenschaft und klinische Entscheidungsfindung. Besonders dann, wenn Einzelfälle genutzt werden, um etablierte Naturheilmittel zu diskreditieren.
Die tatsächliche Datenlage zu Reishi zeichnet ein anderes Bild: Reishi ist gut untersucht und wird seit Jahrzehnten therapeutisch eingesetzt.
Ziel dieses Beitrags ist es, die Studie sachlich einzuordnen, methodische Schwächen offenzulegen und unbegründete Ängste im Umgang mit Reishi abzubauen.
Studienüberblick
Veröffentlichung: 25. September 2023
Autoren: Roupen Guedikian et al.
Ziel: Untersuchung einer akuten Leberverletzung nach Reishi-Pulver und Alkoholkonsum
Bereits der Titel ist problematisch: Reishi wird als mutmaßlicher Auslöser benannt, während der massive Alkoholkonsum lediglich als „Setting“ erscheint. Damit wird die Gewichtung der Ursachen von Beginn an verschoben – mit absehbaren Folgen für die Interpretation.
Fallbeschreibung
Der Patient ist ein 47-jähriger Mann mit arterieller Hypertonie, chronischen neuropathischen Schmerzen nach einer Leistenbruchoperation sowie einer bekannten nicht-alkoholischen Fettlebererkrankung (NAFLD). Über einen Zeitraum von drei Tagen entwickelte er Übelkeit, Erbrechen, diffuse abdominale Schmerzen und Kopfschmerzen, begleitet von einer hypertensiven Entgleisung mit Blutdruckwerten bis 180/130 mmHg.
Im zeitlichen Zusammenhang mit einer Schmerzexazerbation kam es zu einer Selbstmedikation mit Alkohol. Der Patient konsumierte innerhalb von 72 Stunden bis zu 2,25 Liter Wodka, entsprechend etwa 279 Gramm reinem Alkohol – bei vorbestehender NAFLD. Diese Kombination stellt einen gut etablierten Hochrisikofaktor für eine akute alkoholinduzierte Leberverletzung dar. Parallel nahm der Patient mehrere Esslöffel eines nicht näher spezifizierten „Reishi-Pulvers“ ein. Angaben zur Dosierung, zur Produktqualität oder zur Zusammensetzung fehlen vollständig.
Bei Aufnahme zeigte sich ein Blutdruck von 159/108 mmHg, die übrigen Vitalparameter waren stabil. Klinisch bestand eine diffuse Druckempfindlichkeit des Abdomens, ohne Zeichen eines Ikterus. Der Patient war neurologisch und kognitiv unauffällig.
Laborchemisch fanden sich deutlich erhöhte Transaminasen mit einer AST von 301 U/L (≈ +652 %) und einer ALT von 990 U/L (≈ +2375 %) sowie ein leicht erhöhtes Gesamtbilirubin von 1,5 mg/dL. Alkalische Phosphatase, Lipase und Albumin lagen im Referenzbereich.
Therapeutisch erfolgte die Gabe von N-Acetylcystein und intravenöser Flüssigkeit. Innerhalb von 24 Stunden sanken die AST-Werte um etwa 63 % und die ALT-Werte um rund 38 %. Der Patient wurde nach 48 Stunden entlassen. In der Nachuntersuchung nach 14 Tagen zeigte sich eine vollständige klinische Erholung mit weitgehender Normalisierung der Leberwerte.
Zusammenfassung & Fazit des Forschungsteams
Das Forscherteam kommt zu der abschließenden Bewertung, dass die Leberverletzung des Patienten höchstwahrscheinlich durch eine toxische Reaktion auf die gleichzeitige Einnahme von Alkohol und Reishi-Pilzpräparaten verursacht wurde. Diese Hypothese basiert auf der Annahme - unter Referenz einer Tierversuchsstudie (s.u.) - dass Reishi die schädlichen Auswirkungen des Alkohols durch die Hemmung des Enzyms CYP2E1 verstärkt haben könnte. Die Autoren berufen sich (bereits im Titel Ihrer Veröffentlichung) auf eine "systematische Literaturübersicht". Diese "Übersicht" besteht aus der Zitation einer Tierversuchsstudie und von zwei Einzelfallberichten, um eine lebertoxische Wirkung von Reishi zu untermauern.
Meine kritische Analyse – in 15 Einzelpunkten
I. Zentrale methodische Mängel
1. Fehlende Differenzierung zwischen Alkohol und Reishi als Hauptursache
Problem:
Der Patient konsumierte innerhalb von 72 Stunden rund 279 g reinen Alkohol, eine Menge, die allein ausreichend ist, um eine akute Leberzellschädigung zu verursachen – insbesondere bei vorbestehender NAFLD. Zwar wird der Alkoholkonsum erwähnt, jedoch weder im Titel noch in der Argumentation als dominanter Faktor behandelt.
Bewertung:
Alkohol ist ein gut etablierter hepatotoxischer Stoff mit klar definierten Dosis-Wirkungs-Beziehungen. Reishi hingegen wird ohne belastbare Dosisangaben, Produktanalysen oder toxikologische Daten als Mitverursacher eingeführt. Diese Gewichtung ist wissenschaftlich nicht haltbar und führt zu einer spekulativen Kausalannahme.
2. Alkoholkonsum als eigenständiger, hinreichender Risikofaktor
Problem:
Der kombinierte Einfluss aus Alkoholmenge, Trinkdauer und vorbestehender Fettleber wird nicht als ausreichende Erklärung diskutiert.
Bewertung:
Oxidativer Stress, mitochondriale Dysfunktion und entzündliche Prozesse durch Ethanol sind pathophysiologisch gut beschrieben. Die schnelle Besserung unter N-Acetylcystein stützt diese Genese zusätzlich. Reishi ist zur Erklärung des klinischen Verlaufs nicht erforderlich.
II. Fehlinterpretation und selektive Nutzung der Literatur
3. Tödlicher Fallbericht (“Fatal fulminant hepatitis associated with Ganoderma lucidum (Lingzhi) mushroom powder”. Link“)
Problem:
Der zitierte Todesfall wird als Beleg für eine Reishi-Hepatotoxizität herangezogen.
Bewertung:
Die Patientin stand unter Dauermedikation mit Lithium, Perphenazin und Trihexyphenidyl – alles Substanzen mit bekanntem hepatotoxischem Potenzial. Eine klare Abgrenzung der Ursachen erfolgt nicht. Der Schluss, Reishi sei der alleinige Auslöser, ist nicht begründbar.
4. Fehlinterpretation der Mausstudie zu Ganoderma-Säuren
Problem:
Die Autoren postulieren eine CYP2E1-Hemmung durch Reishi als Schadmechanismus. Ganoderic acids-rich ethanol extract from Ganoderma lucidum protects against alcoholic liver injury and modulates intestinal microbiota in mice with excessive alcohol intake. Link
Bewertung:
Die zitierte Studie zeigt explizit protektive Effekte von Reishi bei alkoholinduzierter Leberschädigung (Reduktion von oxidativem Stress, Entzündung und Dysbiose). Die Umdeutung dieser Daten stellt eine unzulässige Verkürzung dar.
5. Kräutertee-Fallbericht mit 23 Inhaltsstoffen
Problem:
Ein multifaktorielles Produkt wird zur Bewertung eines Einzelbestandteils herangezogen. Diese Studie ist die Grundlage: Herbal supplement-induced liver injury: a case report. Link
Bewertung:
Bei 23 Inhaltsstoffen ist keine kausale Zuordnung möglich. Der Fall ist für Aussagen zur Reishi-Toxizität wissenschaftlich ungeeignet.
III. Klinische und methodische Versäumnisse
6. Fehlende Dosierungs- und Produktangaben
Problem:
Es wird nicht angegeben, wie viel Reishi der Patient tatsächlich eingenommen hat, in welcher Darreichungsform (z. B. Pulver oder Extrakt), aus welcher Quelle das Produkt stammte und ob es qualitätsgeprüft war. Ebenso fehlen Angaben zu möglichen Verunreinigungen, etwa durch Schwermetalle, Schimmelpilzgifte (Mykotoxine) oder Rückstände aus dem Herstellungsprozess.
Bewertung:
Ohne diese Basisinformationen ist eine toxikologische Bewertung grundsätzlich nicht möglich. In der Medizin gilt: Die Dosis macht das Gift. Wenn weder Dosis noch Produktqualität bekannt sind, kann keine belastbare Aussage darüber getroffen werden, ob Reishi überhaupt eine Rolle gespielt haben könnte. Dieser methodische Mangel entzieht der gesamten Kausalannahme die Grundlage.
7. Nicht ausreichende Gewichtung der vorbestehenden NAFLD
(NAFLD = nicht-alkoholische Fettlebererkrankung)
Problem:
Die bekannte Fettlebererkrankung des Patienten wird zwar erwähnt, aber nicht systematisch in die Risikoanalyse einbezogen.
Bewertung:
Eine NAFLD bedeutet, dass die Leber bereits vorgeschädigt und deutlich empfindlicher gegenüber zusätzlichen Belastungen ist. Insbesondere Alkohol kann in dieser Situation sehr schnell zu einer akuten Leberentzündung führen. Wird dieser zentrale Risikofaktor nicht angemessen gewichtet, entsteht ein verzerrtes Bild der Ursachen – zulasten einer sachlichen Einordnung des Alkoholkonsums und zulasten einer fairen Bewertung von Reishi.
8. Fehlende oder unzureichende Differentialdiagnostik
(Differentialdiagnostik = systematisches Ausschließen anderer Ursachen)
Problem:
Es wird nicht dokumentiert, dass andere häufige Ursachen einer akuten Leberverletzung ausgeschlossen wurden, etwa:
- Virusinfektionen der Leber (z. B. Hepatitis A, B oder C),
- Nebenwirkungen von Medikamenten,
- oder autoimmune Lebererkrankungen (fehlgeleitete Immunreaktionen gegen das eigene Lebergewebe).
Bewertung:
Ohne eine solche systematische Abklärung bleibt unklar, wodurch die Leberwerte tatsächlich verursacht wurden. In der klinischen Medizin ist der Ausschluss alternativer Ursachen eine Grundvoraussetzung, bevor eine neue oder ungewöhnliche Ursache angenommen werden darf. Das Fehlen dieser Abklärung macht die Schlussfolgerungen der Studie spekulativ.
9. Bedeutung der N-Acetylcystein-Response nicht angemessen berücksichtigt
(N-Acetylcystein = Medikament zur Unterstützung der Leberentgiftung)
Problem:
Die rasche und deutliche Verbesserung der Leberwerte nach Gabe von N-Acetylcystein wird in der Studie nicht in die Ursachenbewertung einbezogen.
Bewertung:
N-Acetylcystein ist gut etabliert in der Behandlung alkohol- und medikamentenbedingter Leberverletzungen. Die schnelle Abnahme der Leberwerte innerhalb von 24 Stunden spricht daher klar für eine solche Ursache. Eine anhaltende oder direkte Giftwirkung von Reishi wäre mit diesem Verlauf nicht vereinbar. Dass dieser klinisch wichtige Hinweis nicht berücksichtigt wird, schwächt die Argumentation der Autoren erheblich.
IV. Wissenschaftliche und praktische Konsequenzen
10. Selektive Literaturauswahl und Auslassung widersprechender Evidenz
Problem:
Die Autoren berufen sich auf eine angebliche „systematische Literaturübersicht“, berücksichtigen jedoch ausschließlich Arbeiten, die ihre Hypothese stützen oder sich dafür instrumentalisieren lassen. Studien, die hepatoprotektive Effekte von Reishi beschreiben, bleiben unerwähnt.
Bewertung:
Eine systematische Literaturübersicht setzt voraus, dass die vorhandene Evidenz vollständig, transparent und ausgewogen dargestellt wird. Gerade bei Ganoderma lucidum existieren zahlreiche präklinische Arbeiten, die antioxidative, entzündungshemmende und leberschützende Effekte zeigen – insbesondere im Kontext alkoholinduzierter Leberschäden.
Das bewusste oder fahrlässige Auslassen dieser Daten verzerrt die Gesamteinschätzung und stellt keine wissenschaftlich saubere Literaturarbeit dar.
11. Übertriebene und irreführende Kausalitätsannahme
Problem:
Der Artikel suggeriert eine kausale Beziehung zwischen Reishi-Einnahme und akuter Leberverletzung, obwohl mehrere konkurrierende, deutlich besser belegte Ursachen vorliegen.
Bewertung:
In der klinischen Forschung gilt: Korrelation ersetzt keine Kausalität – insbesondere nicht bei Einzelfällen. Hier liegen gleich mehrere starke Störfaktoren vor (massiver Alkoholkonsum, NAFLD, fehlende Produkt- und Dosisangaben), die eine eindeutige Zuordnung unmöglich machen.
Trotzdem wird Reishi als relevanter Mitverursacher dargestellt. Diese Form der Schlussfolgerung überschreitet klar die Aussagekraft der vorliegenden Daten und ist methodisch nicht gerechtfertigt.
12. Überinterpretation eines Einzelfalls (Fallbericht ≠ Evidenz)
Problem:
Der Artikel versucht, aus einem einzelnen Fallbericht allgemeine Aussagen zur potenziellen Hepatotoxizität von Reishi abzuleiten.
Bewertung:
Fallberichte können Hypothesen generieren, aber sie können keine Hypothesen bestätigen. Sie sind hochgradig anfällig für konfundierende Variablen wie Lebensstil, Begleitmedikation, Vorerkrankungen oder nicht dokumentierte Substanzen.
Die hier vorgenommene Generalisierung widerspricht grundlegenden Prinzipien evidenzbasierter Medizin und hätte im Peer-Review klar zurückgewiesen werden müssen.
13. Mangelnde wissenschaftliche Sorgfalt in der Gewichtung der Ursachen
Problem:
Der massive Alkoholkonsum wird zwar erwähnt, aber nicht als dominanter oder hinreichender Erklärungsfaktor behandelt. Stattdessen wird er argumentativ neben Reishi gestellt.
Bewertung:
Alkohol ist einer der am besten untersuchten hepatotoxischen Stoffe überhaupt – mit klaren Dosis-Wirkungs-Beziehungen und bekannten Risikokonstellationen, insbesondere bei Fettleber.
Die fehlende Priorisierung dieses Faktors stellt keinen kleinen methodischen Fehler dar, sondern eine fundamentale Fehlgewichtung, die den gesamten Argumentationsaufbau verzerrt.
14. Potenzielle Folgen für die klinische Praxis
Problem:
Studien wie diese können in der Praxis zu Fehlinterpretationen führen. Therapeuten, Ärztinnen oder Patienten könnten daraus schließen, dass Reishi grundsätzlich ein Risiko für die Leber darstellt.
Bewertung:
Eine solche Schlussfolgerung hätte reale Konsequenzen:
- unnötige Verunsicherung von Patientinnen und Patienten
- Verzicht auf ein in vielen Kontexten therapeutisch sinnvolles Mittel
- Reduktion von Behandlungsoptionen, insbesondere bei chronischen Erkrankungen
Damit wird nicht nur wissenschaftlich unsauber gearbeitet, sondern potenziell auch klinischer Schaden verursacht – durch Unterlassung sinnvoller Therapieoptionen.
15. Einordnung der publizierenden Zeitschrift (Cureus)
Problem:
Die Studie erschien in Cureus, einer Open-Access-Zeitschrift mit beschleunigtem Publikations- und Review-Prozess.
Bewertung:
Die Grundidee von Cureus – niedrigere Publikationshürden und schnellere Verfügbarkeit – ist legitim. Gleichzeitig erhöht ein verkürzter Peer-Review-Prozess jedoch das Risiko, dass methodische Schwächen, unzureichende Differenzierungen und überzogene Schlussfolgerungen nicht ausreichend korrigiert werden.
Der vorliegende Artikel ist ein Beispiel dafür, wie Geschwindigkeit zulasten wissenschaftlicher Sorgfalt gehen kann.
Mein Fazit
Diese Publikation zeigt keine hepatotoxische Wirkung von Reishi, sondern die Folgen eines massiven Alkoholkonsums bei vorbestehender Lebererkrankung. Die Datenlage ist eindeutig – die Interpretation nicht.
Durch irreführendes Framing und selektive Argumentation wird ein Einzelfall über seine Aussagekraft hinaus aufgeladen. Das ist keine saubere Wissenschaft, sondern eine narrative Verkürzung komplexer klinischer Realität.
Wer Naturstoffe kritisch prüfen will, muss dies mit derselben methodischen Sorgfalt tun wie bei pharmakologischen Substanzen. Alles andere schadet nicht nur der Mykotherapie, sondern der Glaubwürdigkeit klinischer Forschung insgesamt.