Fallbericht: Verzögerte Wundheilung
Fallstudie: Stute „Angelina“, 18 Jahre, Lusitano-/Andalusier-Mix
Verzögerte Wundheilung ist in der Pferdemedizin nur selten Ausdruck einer unzureichenden Akutversorgung. Häufig liegt die eigentliche Herausforderung in der Übergangsphase: Die Entzündung ist kontrolliert, Infektionszeichen fehlen – doch der Organismus findet nicht in eine stabile regenerative Dynamik zurück. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob Heilung funktionell vollständig gelingt oder ob Narben, Gewebeverhärtungen und kompensatorische Bewegungsmuster zurückbleiben.
Ein wesentlicher Kontext dieses Falls liegt jenseits der eigentlichen Wundproblematik. Der Pferdepatient Angelina ist ein Rettungspferd aus Portugal (geboren wurde sie aber in Spanien). Frühere Dokumentationen zeigten einen Zustand von Trageerschöpfung (Instabilität des Rumpftrageapparates). Bei ihrer Ankunft war sie sehr dünn, unterernährt und zeigte eine insgesamt geringe und unphysiologische Bemuskelung, war jedoch von Beginn an ein sehr energiereiches Pferd.
Der heutige Gesundheits- und Trainingszustand des Pferdes ist vor diesem Hintergrund nicht selbstverständlich, sondern Ergebnis eines über Jahre konsequent verfolgten, biomechanisch korrekten Aufbaus. Dieser wird durch Angelinas natürliche Robustheit, ihre guten Selbstheilungskräfte und eine hohe mentale Stabilität unterstützt. Aber dazu später mehr.

Ausgangslage: korrekte Wundversorgung, ausbleibende Regeneration
Angelina erlitt um den Jahreswechsel 2025/2026 einen traumatischen Insult am rechten Hinterbein, dorsal auf Höhe des Fesselgelenks. Die Lokalisation ist klinisch anspruchsvoll: geringe Weichteildeckung, unmittelbare Nähe zur Extensorsehne (Strecksehne) und hohe biomechanische Beanspruchung im Alltag.

Frischer Insult: 1. Januar 2026 Die schulmedizinische Erstversorgung erfolgte fachlich korrekt. Entzündung und Infektionsrisiko wurden durch Antibiotika-Gabe, NSAIDs (nicht-steroidale Antirheumatika/Schmerzmittel) sowie konsequente Wundversorgung zuverlässig kontrolliert.

Frische Wunde: 4. Januar 2026 In der Frühphase zeigte sich ein ruhiger Verlauf ohne übermäßige Wärme, Pulsation oder infektiöse Komplikationen. Angelina zeigte sich in der ersten Phase nach der Neujahrsverletzung (sie stand 6 Tage komplett in der Box, gefolgt von Mobilisierung von ca. 10 Minuten im Schritt ohne Stellung und Biegung) zunächst unauffällig.

Wunde am 9. Januar 2026, bis dahin guter Heilungsverlauf. Nach etwa zwei Wochen fiel jedoch auf, dass der Heilungsprozess nicht weiter fortschritt. Der notwendige Übergang von der entzündlichen in die regenerative Phase blieb aus. Begünstigt wurde diese Situation durch die anatomisch ungünstige Region sowie witterungsbedingte Bewegungseinschränkungen im Brandenburger Winter des Frühjahrs 2026 (v.a. Glatteis).

Wunde am 23. Januar 2026, vor der ersten Behandlung. Klinisch äußerte sich dies in anhaltendem Austritt von Wundflüssigkeit, eingeschränkter Gewebefestigkeit und unsauber abgegrenzten Wundrändern. Besonders an einem dreieckigen Hautlappen zeigten sich erste Zeichen einer Nekrosetendenz (Absterben von Gewebe). Das Problem lag nicht in einem „Zuviel“ an Entzündung, sondern in einem Ausbleiben der biologischen Steuerung hin zur Regeneration.
Funktioneller Hintergrund und Trainingszustand
Romola Davies praktiziert und lehrt professionell akademische Reitkunst. Die zugrunde liegende Arbeitsweise ist geprägt von biomechanischer Präzision und ist frei von Zwang. Bewegung entsteht organisiert und freiwillig auf Basis einer stabilen Selbsthaltung, v.a. der Fähigkeit des Pferdes, sich im Gleichgewicht zu tragen.
Bemerkenswert für mich war der muskuläre Befund der Erstuntersuchung: Trotz wochenlanger Ruhigstellung zeigten sich lediglich geringgradige Spannungen im Schulterbereich. Die Muskulatur präsentierte sich gleichmäßig aufgebaut, dicht und tragfähig, ohne klinisch relevante kompensatorische Erhöhung der Muskelspannung. Kraft wirkte jederzeit abrufbar, elastisch und kontrolliert – ein klar positiver Hinweis auf den langfristig erarbeiteten Trainingszustand, der die verbleibenden funktionellen Einschränkungen deutlich abpufferte.
Der therapeutische Ansatz: Regulation auf drei Ebenen
Der therapeutische Ansatz: Regulation auf drei Ebenen
Um den Übergang in eine regenerative Phase gezielt zu unterstützen, wurde die Therapie integrativ erweitert. Der Ansatz folgte einem Dreiklang:
- AOE (Akupunkturorientierte Energiearbeit) nach Christian Torp: Prüfung, ob die Verletzung noch adäquat in die Gesamtregulation eingebunden ist und Lösung energetischer Blockaden.
- Laser-Photobiostimulation: Einsatz eines 90-W-Impulslasers (904 nm), um die Regeneration zu fördern und v.a. auf zellulärer Ebene die Energieverfügbarkeit zu erhöhen.
- Akupunktur: Ordnung der Heilungsprozesse, Modulation (Anpassung) der Entzündung und funktionelle Integration in den Bewegungsapparat (Faszien- und Muskelketten).
Das Zusammenspiel dieser drei Ebenen ermöglichte es, den stagnierenden Heilungsprozess wieder in eine physiologische Dynamik zu überführen.
Phase 1: Reaktivierung des Heilungsimpulses (23.–24. Januar 2026)
Der erste Schritt zielte darauf ab, den Organismus wieder für Heilung empfänglich zu machen. In der AOE-Diagnostik zeigte sich am linken Ohr eine reproduzierbare Reaktion im Projektionsareal des kontralateralen (gegenüberliegenden) rechten Fesselgelenks. Nach Behandlung des entsprechenden Ohrpunkts verschwand die Abwehrreaktion – ein Zeichen für die Wiederherstellung der Regulation.
Parallel dazu stimulierte die Laser-Photobiostimulation die zelluläre Energie im Wundareal, um den beginnend nekrotisierenden Hautflap zu reintegrieren. In der Akupunktur lag der Schwerpunkt auf der Hemmung der Restentzündung und der Beschleunigung des Wundschlusses (u.a. Dickdarm 4 als Fernpunkt, Magen 36 zur Regenerationsstütze).
Bereits innerhalb von 24 Stunden zeigte sich eine geordnete Granulation (Bildung von jungem Bindegewebe) mit deutlicher Reduktion des Exsudats. Der Übergang in die regenerative Phase war damit erfolgreich eingeleitet.

Wundtupfer am 24. Januar 2026

Wunde am 24. Januar 2026, nach einer Behandlung mit dem 90Watt Laser in der Frequenz Nogier A''
Phase 2: Restrukturierung und Gewebeintegration (25.–29.01.2026)
In der zweiten Phase verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Qualität der Heilung. Die Akupunktur zielte nun darauf ab, die Gewebeorganisation zu stabilisieren und den Prozess funktionell einzubetten (u.a. Milz 6 für Umbauprozesse, Dünndarm 18 i.V.m. anderen Punkten zur Ordnung des tendomuskulären Yang-Meridians der Hinterhand).
Klinisch zeigte sich ein klarer Wendepunkt: Der zuvor gefährdete Hautflap reintegrierte sich in das Wundareal. Die gesamte Wunde ging in eine stabile Umbauphase über; das Gewebe wurde kühl und belastbar.

Wunde am 29. Januar 2026, nach insgesamt vier Behandlungen
Phase 3: Funktionelle Stabilität, strukturelle Konsolidierung und Belastbarkeit (ab 29. Januar 2026)
In der dritten Phase rückte die funktionelle Stabilität zunehmend in den Vordergrund. Der Wundschluss war stabil, die Entzündungsreaktion vollständig abgeklungen. Entscheidend war nun nicht mehr die reine Hautheilung, sondern die Belastbarkeit des Gewebes sowie die Qualität der Bewegung unter Alltags- und Trainingsimpulsen.
Die Stute zeigte eine deutliche Zunahme an Bewegungslust und Ausdruck. Spontane Galoppsprünge, kurze Belastungsspitzen und situative Bewegungsimpulse wurden ohne Dehiszenz der Wunde, Reizung oder Instabilität toleriert. Hinweise auf eine erneute Aktivierung der Wunde bestanden nicht, lediglich Zeichen einer physiologischen Abheilung.
Therapeutisch wurde diese Phase gezielt strukturunterstützend begleitet. Neben punktueller Laser-Photobiostimulation (90-W-Impulslaser) zur lokalen Stoffwechselaktivierung kam ergänzend eine Laserdusche im Continuous-Wave-Modus (50 mW, ca. 12 Minuten, Programme nach Nogier A und B) zum Einsatz, um Gewebsneukonstruktion, Mikrozirkulation und Matrixorganisation zu fördern.
Begleitend wurde eine regulative Laserakupunktur mit Einbezug von Dünndarm 3 (SI 3 – Houxi), Dickdarm 4 (LI 4 – Hegu) und Gallenblase 34 (GB 34 – Yanglingquan) durchgeführt, mit dem Ziel der Reduktion von Schutzspannung, muskulärer Entlastung der Hinterhand und funktioneller Integration im Rahmen des beginnenden Wiederauftrainierens.
Übergang in die Langzeitbegleitung und Rekonvaleszenzphase
Mit Abschluss der akuten Wundheilungsphase wurde die Therapie in eine gezielte Langzeitbegleitung überführt. Ziel ist es hierbei, den Übergang von der medizinisch begleiteten Ruhephase zurück in die volle körperliche Belastung so rasch, aber auch so stabil und reizarm wie möglich zu gestalten. Der Fokus liegt nun auf der Konsolidierung des Gewebes sowie der energetischen Unterstützung des Organismus.
Zur systemischen Unterstützung wird eine Kombination aus verschiedenen Vitalpilzen eingesetzt:
- Pleurotus ostreatus (Austernpilz): Wird bereits seit dem gesicherten Wundschluss Ende Januar gefüttert. Er dient primär der Unterstützung des Stoffwechsels beim Bindegewebsaufbau und fördert die myofasziale Entspannung (Lockerung der Muskel-Faszien-Verbünde), was besonders nach der Schonphase essentiell ist.
- Reishi: Wird seit Anfang März ergänzt. Er fungiert als Adaptogen (Wirkstoff zur Steigerung der Stressresistenz) und unterstützt die langfristige Entzündungskontrolle auf niedrigem Niveau.
- Cordyceps: Unterstützt die Regenerationsförderung und den gesamten Energiehaushalt. Er hilft dem Organismus, die für den Gewebeaufbau im Rahmen des muskulären Wiederaufbaus benötigte zelluläre Energie effizient bereitzustellen.
Parallel erfolgte der zügige Einstieg in ein kontrolliertes Wiederaufbautraining. Das Training ist sogar notwendig, um die neu gebildete Matrix (Stützgerüst des Gewebes) stabil zu festigen und eine dauerhafte physiologische Belastbarkeit unter herrschenden Trainingsbedingungen zu gewährleisten.
Fazit
Der Fall Angelina ist eine Situation, in der sich viele Pferdebesitzer wiederfinden: Es liegt keine Infektion vor, keine eskalierende Entzündung, keine eindeutige Lahmheit – und dennoch bleibt das Gefühl, dass Heilung nicht wirklich vorankommt - die resultierende Unsicherheit ist frustrierend und zermürbend.
Der entscheidende Punkt dieses Falles ist auch nicht, ob eine Wunde adäquat versorgt wird, sondern wie der Heilungsprozess das entstandene Gewebe funktionell in den Bewegungsapparat reintegriert. Integrative Tiermedizin versteht sich hier nicht als Konkurrenz zur schulmedizinischen Akutversorgung (im Gegenteil!), sondern als gezielte Ergänzung in jener Phase, in der Regulation, Regeneration und funktionelle Ordnung über die langfristige Gesundheit des Patienten entscheiden.
Ein weiterer Aspekt dieses Falls zeigt sich erst in der direkten therapeutischen Arbeit. Muskulatur lügt nicht. Haltung, Spannung und Bewegung lassen sich am Boden und im Sattel bis zu einem gewissen Grad kaschieren – durch Schauspielerei, Druck, Verstellen oder bewusstes "darüber wegreiten". In dem Moment jedoch, in dem therapeutisch geschulte Hände, Puls und Aufmerksamkeit unmittelbar am Pferd sind, insbesondere im Verlauf regelmäßiger Behandlungen, wird sichtbar, wie ein Körper tatsächlich organisiert ist.
Die Souveränität, mit der Angelina diesen Prozess durchlaufen hat, ist meiner Meinung nach auf ein enges Zusammenspiel zurückzuführen: Ihre natürliche Robustheit und bildete die Basis. Darauf aufbauend ermöglichte die Kombination aus Haltung, Umgang und Training eine mentale Stabilität und körperliche Organisation, die hocheffizient auf therapeutische Impulse reagieren konnte. Die Akademische Reitkunst ist in diesem Kontext keine Stilfrage, sondern war eindeutig Teil des Heilungsprozesses.
Wo Bewegung erzwungen wird, entsteht eine “Form ohne Funktion”. Wo aber strukturgebende Arbeit, Zeit und innere Zustimmung zusammenkommen, wird funktionale Gesundheit möglich. Genau diese Qualität war bei Angelina spürbar – nicht als abstraktes theoretisches Konzept, sondern als anfassbare Realität im Gewebe, in der Bewegung und auch in der Reaktionsfähigkeit auf therapeutische Impulse.

Am Ende bleibt mir eine wesentliche Erkenntnis: Ich bin in diesem Prozess nicht der „Heilende“. Meine Aufgabe bestand darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Heilung wieder möglich wurde. Die eigentliche Arbeit leistet wie immer der Organismus selbst – in diesem Fall getragen von einem Körper, der durch jahrelanges, zwangfreies Training gelernt hatte, sich zu organisieren, zu regulieren und wieder ins Gleichgewicht zurückzufinden.
Reitkunst als therapeutisches Fundament – Die Arbeit von Romola Davies
Was in diesem Fall klinisch sichtbar wurde, ist nicht isoliert von der täglichen Arbeit im Sattel und am Boden zu betrachten. Die strukturelle Stabilität, die gleichmäßige Muskulatur und die Fähigkeit des Organismus, auf therapeutische Impulse differenziert zu reagieren, sind Ausdruck eines langfristig aufgebauten Systems – nicht Zufall.
Romola Davies lehrt unter dem Namen „Tanz mit Pferden“ Reitkunst als Weg zu funktioneller Gesundheit. Wer mehr über Ihre Arbeit, ihren Unterricht und ihren Weg mit Angelina erfahren möchte, findet weiterführende Informationen unter: https://tanzmitpferden.de
